Analyse oder (letztes) Bewerbungsschreiben?

Kurz bevor ARD-Journalist Michael Stempfle neuer Sprecher des Verteidigungsministeriums und Leiter Stab Informationsarbeit wurde, erschien ein Artikel voll des Lobes für seinen neuen Dienstherrn Pistorius. Eine Analyse.

Michael Stempfle ist das jüngste prominente Beispiel einer langen Reihe führender Journalist:innen, die von heute auf morgen in einen Top-Job als Sprecher von Regierung oder Ministerium, von Großkonzern oder Lobby-Verband wechselten (siehe Nähe zur Macht: Wenn Spitzenjournalisten Regierungssprecher werden).

Vor diesem Hintergrund ist es spannend, seinen (vorerst) letzten alpha-journalistischen Artikel genauer zu analysieren – zumal dieser als "Analyse" daherschreitet. Analysen als journalistische Darstellungsform sollen systematische Untersuchungen eines bestimmten Themas liefern.

Ziel solcher Analysen ist, dem Publikum profundes Wissen zu diesem Thema zu vermitteln. Hierfür sollen nicht nur möglichst verschiedene Expert:innen befragt werden, sondern auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen überprüft und kritisch bewertet werden.

Der Beitrag von Michael Stempfle ist, um mit einer guten Nachricht zu beginnen, noch immer zu finden und zu lesen auf tagesschau.de.

Darunter steht dort in kursiven Buchstaben diese redaktionelle Ergänzung:

Anmerkung der Redaktion: Michael Stempfle war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes (17. Januar 2023) Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio. Seit dem 23. Januar 2023 ist bekannt, dass er als Sprecher in das Verteidigungsministerium wechselt.

Fragt sich sofort: Seit jenem 23. Januar ist, wem genau bitte bekannt, dass er ins Sprecheramt wechselt? Denn: Seit wann dieser Schritt Michael Stempfle selbst "bekannt" war, wird sich kaum restlos klären lassen. Aber schauen wir genauer auf seinen Text. Dieser kann durchaus "aufklärerisch" gelesen werden - wenn auch anders, als vom Autor vermutlich gewollt.

"Ein Vollblutpolitiker, der anpackt": Ein Lobgesang

Die Überschrift der sogenannten "Analyse" behauptet, Pistorius sei "ein Vollblutpolitiker, der anpackt". Das ist nicht ein Zitat einer der wenigen Quellen, die Autor Stempfle in seinem langen Text zu Wort kommen lässt. Sondern das ist ganz offenbar seine(!) Zusammenfassung seiner(!) Bewertungen, die der damalige ARD-Hauptstadtstudio-Korrespondent im Zuge seiner Analyse äußert. Mehr Lob geht kaum.

"Vollblutpolitiker" klingt schon sehr positiv. Wenn diese Person dann auch noch bewertet wird als jemand, "der anpackt", darf man höchstens fragen, ob das nicht sogar schon "doppelt gemoppelt" ist, also eine leerlaufende Tautologie? Denn was sollte "Vollblutpolitiker" sonst bedeuten, als genau dies: Diese Person handelt entschlossen, greift durch und setzt sich durch?

Wenn wir den Text allerdings mit Blick auf Boris Pistorius als möglichen Adressaten lesen, also im etwaigen Sinne eines (letzten) "Bewerbungsschreibens", dann ergibt auch diese schlichte Tautologie Sinn: "Doppelt hält besser", und mancher liest ja nur die Überschrift.

Auch für diesen Fall ist die Botschaft schon vorab unmissverständlich: Pistorius ist ein, wenn nicht der, Spitzenmann gerade für dieses Amt. Medienanalytisch ist oft eine Gegenprobe ein sinnvolles Mittel, um Aussagen besser einordnen zu können. Daher sei hier gefragt, inwiefern die Überschrift einer Pressemitteilung aus dem Hause Pistorius anders geklungen hätte?

Eine Antwort könnte lauten: Wenn, dann aus PR-strategischen Gründen wahrscheinlich sogar etwas vorsichtiger und differenzierter als diese für kritische Nutzer-Ohren eventuell schon gar zu plump klingende Lobes-Hymne als Titel.

Aber lesen wir weiter als nur die Überschrift. Im Vorspann zum Text heißt es: Wer sich mit dem designierten Verteidigungsminister Pistorius anlege, solle "mit schlagkräftiger Gegenwehr" rechnen. Was dieser Niedersachse tue, habe "er sich gut überlegt".

Die para-militärische Metapher mit der "schlagkräftigen Gegenwehr" kann auch als eine fragwürdig-männliche Abrechnung mit der Amtsvorgängerin Christine Lambrecht (ebenfalls SPD) gelesen werden. Zumal im Zusammenspiel mit der Formulierung "gut überlegt", die auf Frau Lambrechts Agieren im Amt kaum anwendbar schien.

Aber mal kurz innegehalten: Stempfle behauptet hier zwei durchaus steile Thesen: Genau genommen, dass 1.) wirklich alles, was Pistorius so mache, klasse durchdacht wäre; und dass 2.) Stempfle, wie auch immer, privilegierte Einblicke in des Niedersachsen Oberstübchen hätte. Beides sicher kaum haltbar, aber im Text enthalten.

Dann kommt der klassische szenische Einstieg, der bei kaum einer Reportage oder eben auch bei kaum einer Analyse fehlen darf: Wir lernen den Helden der Story in einer typischen Situation kennen. Zunächst wird kurz die Szene ausgeleuchtet:

Die CDU-Innenminister der Länder können ein Lied davon singen. Bei der Innenministerkonferenz in München Anfang Dezember etwa lautete ihr Vorwurf: Die Sozialdemokraten in der Bundesregierung legten beim Thema Migration den Schwerpunkt auf Humanität (…).

Michael Stempfle, Ein Vollblutpolitiker, der anpackt

Dann erster Auftritt der Hauptfigur, der zugleich den schon bekannten roten Faden aufgreift und fortspinnt - man könnte auch sagen: das "Framing", also die Rahmensetzung aus Überschrift/Vorspann:

Dass die Konservativen damit auch Niedersachsens Innenminister auf den Plan riefen, war ihnen sicherlich klar. Ebenso, dass Boris Pistorius die SPD-Vorhaben nach allen Regeln der Kunst (sic! d.A.) verteidigen würde. Immerhin hatte Pistorius das Migrationspaket in den Koalitionsverhandlungen der Ampel-Parteien selbst mitverhandelt.

Und genau so kam es: Der Ampel sei ein "Paradigmenwechsel" in der Migrationspolitik gelungen, ein Neuanfang, so Pistorius. Umgekehrt kramten Friedrich Merz und die Union aus seiner Sicht noch immer in der "Mottenkiste der 90er-Jahre" - die CDU sei getrieben von der Furcht vor der AfD.

Michael Stempfle, Ein Vollblutpolitiker, der anpackt

Damit ist der Held der Story auch mit eigenem Auftritt etabliert. Klare Kante, nicht zuletzt gegen rechts und Rechtsaußen. Guter Mann, der Mann! Nebenbei: Offenbar sind Friedrich Merz & Co. gerade nicht Adressat dieses Beitrages.

Weiter im Text: "Die Stimme von Innenminister Pistorius hat Gewicht.". Das sagt nicht irgendwer, sondern das sagt – Michael Stempfle. Ganz binnenplural, wie es der Programmauftrag unserer Öffentlich-Rechtlichen verlangt.

Ein Journalist, der anpackt

Aber Michael Stempfle lässt nicht nur seine eigene starke Stimme lobend erklingen. Er führt einige wenige, durchweg bestätigende Zeugen für diese, seine Position an: eine "starke Stimme", bescheinigt laut "Analyse" auch der Niedersachsen-CDU-"Amtskollege Armin Schuster aus Sachsen, die der SPD in der Innenministerkonferenz wohl bald fehlen werde". Pistorius sei, so wiederum Stempfle selber ganz analytisch, "nicht nur schlagfertig".

Vermutlich stecke "noch immer der Oberbürgermeister aus Osnabrück" in dem Angebeteten: "Ein Politiker-Typus also, der anpackt – mit einem sicheren Gespür für Themen und für pragmatische Lösungen." Was will man mehr? Außer vielleicht eben: Pistorius als Chef und direkten Auftraggeber.

Aber der aufsteigende Niedersachse ist nicht nur anpackend. Er kann – zumindest laut Stempfle –, wenn es passt, auch eher menschelnd herüberkommen:

So warb Pistorius im Juni 2021 dafür, Hürden abzusenken, um Ortskräfte aus Afghanistan nach Deutschland zu holen. Ein Thema, das zu der Zeit in der Politik nicht allzu beliebt war. Immerhin war in diesem Jahr Bundestagswahl und viele seiner Kollegen in Berlin sorgten sich davor, im Wahlkampf eine Flüchtlingsdebatte führen zu müssen.

Michael Stempfle, Ein Vollblutpolitiker, der anpackt

Diese Sorge habe "vermutlich vielen Ortskräften am Hindukusch das Leben gekostet": Beim Schreiben macht Stempfle Fehler: Aber wenn das Narrativ im Sinne der Generallinie stimmt, ist die Grammatik nicht kriegsentscheidend: "kosten" ist eines der (wenigen) Verben, die den doppelten Akkusativ verlangen: Bastian Sick bringt es auf den Punkt: "Wenn 'kosten' im Sinne von "etwas verlangt von jemandem einen bestimmten Preis" gebraucht wird, gilt allein der doppelte Akkusativ als standardsprachlich korrekt."

Aber solche Petitessen wie "Standardsprache" kosten offenbar weder einen ARD-Hauptstadtstudio-Korrespondenten und dessen Redaktion noch einen aufstrebenden Ministeriums-Sprecher den Job. Oder auch nur die Anerkennung der Peer-Group.

Gibt es Steigerungsmöglichkeiten für diese Lobes-Hymne? Die Stempfle-Skala scheint nach oben offen: Mit Blick auf die afghanischen Ortskräfte schreibt er zunächst: "Im Rückblick mögen einige bedauern, damals nicht auf Pistorius gehört zu haben."

Nicht auf Pistorius zu hören – keine gute Idee, sofern wir auf Stempfle hören. Aber er packt in der Zwischenüberschrift noch einen drauf: "Pistorius hervorragend geeignet."

Das muss stimmen, denn diese Anerkennung kommt diesmal nicht von Stempfle direkt, sondern er lässt das gewissermaßen einen unabhängigen Experten sagen: Laut Georg Maier, wie Pistorius auch SPD-Innenminister, allerdings in Thüringen, ist klar: "Boris Pistorius ist hervorragend für das Amt des Verteidigungsministers geeignet."